Wirtschaftsprognosen auf Irrwegen
Impressum: Autor ist André Kohler (Details) – Artikel in Finanz und Wirtschaft (Rubrik: Schweiz), 26. Januar 2011, Seite 21.
Erklärungskraft von Prognosemodellen ist oft schwach – Kosten können höher sein als Nutzen – Wahrscheinlichkeitsrechnung funktioniert in sozialen Systemen nicht.
In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche sind Prognosen besonders gefragt. Der Presse ist zunehmend Kritik an der Treffsicherheit zu entnehmen – teilweise zu recht, denn Wirtschaftsprognosen wurden in den letzten Jahren immer wieder angepasst und verändert, und das oft erst rückwirkend.
Fachautoren und betroffene Prognostiker haben auf die Kritik auf verschiedene Art und Weise geantwortet: Mängel und Verbesserungsbedarf seien unbestritten. Angesichts nicht vorhersehbaren Systemverhaltens müssten die Modelle versagen. Vorhersagen sozialer Systeme seien keine echten Prognosen, sondern nur Projektionen. Ohne Prognosen keine Planung – daher müsse auch eine schlechte Prognosequalität in Kauf genommen werden. Fehlprojektionen negativer Entwicklungen seien ein Zeichen richtig getroffener Massnahmen. Diese Rechtfertigungen legen den Schluss nahe, dass die typische Wirtschaftsprognose einen Nutzen haben mag, aber keinen Wert.
Nutzen ohne Wert
Als Nutzen steht die Befriedigung unseres verhaltenswissenschaftlich bewiesenen, biologischen Zwangs zur Prognose fest. Prognosen geben das Gefühl von Übersicht, dieses wiederum das der Sicherheit, und Sicherheit heisst Stressreduktion. Auf die ist jeder Organismus im Sinne der Energieeffizienz angewiesen. Der Wert eines Prognosemodells besteht in seiner Erklärungskraft.
Die Entwicklungsgeschichte des Menschen war schon immer zu 99,95% geprägt von einer einfachen Umwelt, in der das Leben jedoch in steter Gefahr war. Daten, Prozesse und Prognosemodelle waren dementsprechend simpel, die Prognosequalität gut. Überleben hiess: einfache Entscheide schnell zu fällen. Die Gewohnheit haben wir beibehalten. Noch immer genügen uns zwei gleichartige Ereignisse, um einen Trend zu sehen. Innerhalb der letzten 0,05% unserer Existenz ist die Komplexität der Umwelt jedoch explodiert, während die Prognosequalität erodierte.
Aufwand ist beachtlich
Der Prognosetrieb erzeugt den Hang zur Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. Auch gegen besseres Wissen benutzen wir falsche Annahmen und Konzepte, wenn es passende Argumente dafür gibt. Trotz gegenteiliger Erfahrung glauben wir an die Möglichkeit zutreffender Prognosen und akzeptieren bei jedem Prognoseversagen stets dieselben, qualitativ fragwürdigen Rechtfertigungen. Eine davon ist, schlechte Prognosemodelle seien besser als gar keine und vor allem für die Planung unverzichtbar. Es leuchtet nicht ein, dass schlechtes Planen oder Handeln grundsätzlich sinnvoller sein soll, als gar nichts zu tun. Die Forschung belegt zudem, dass für Wirtschafts- und Finanzmarktprognosen der Trend der bessere Indikator ist, als der Konsens der Experten.
Falsche Prognosen ziehen Fehlhandlungen nach sich, deren Schadensumme ein Vielfaches der offenen Prognosekosten ausmachen dürfte. Wo die Modellmängel – wie für Konjunktur- und Zinsprognosen – bekannt sind, wäre Zurückhaltung also wünschenswert. Grossen Schaden stiftet das Standardmodell der Finanzmarkttheorie (vgl. Grafik 1). Es beschreibt künftige Finanzmarktpreise nur durch zwei Variablen: den erwarteten Ertrag und seine Schwankung (Risiko). Jede bekannte Risikosteuerung von Anlageportfolios basiert auf diesem Kern, wobei die einfache Handhabung vergessen lässt, dass kaum eine Annahme des Modells stimmt. Die falsche Vorstellung vom Schwankungsverhalten der Kapitalmarktanlagen wiegt dabei besonders schwer. Die Finanzindustrie hat mit diesem Rezept 2008 ihre Bilanzen ruiniert und die Welt an den Rand des Finanzkollapses getrieben. Die erhöhten Eigenkapitalvorschriften von Basel III verringern die Gefahr einer Wiederholung nicht. Anlagekapital wird ohne Notwendigkeit und ohne Gegenleistung aus hochrentierenden Realwertanlagen in Alternativen mit deutlich tieferer Nettorendite gedrängt. Dies ist besonders betrüblich, weil das tatsächliche Risiko für die meisten Anleger gar nicht die Marktschwankung ist (vgl. Grafik 2).
Grafik 1

Grafik 2

Vorsicht vor Scheinlösungen
Fehlprognosen passieren, wenn man nicht genug über den Prognosegegenstand weiss. Der heute dominante Ansatz, die Realität durch spezialisierte Zerlegung und anschliessende Synthese nachzubauen, scheitert spätestens an der Rechenkapazität. Um trotzdem rechnerisch eindeutige Aussagen zu erzeugen, wird Zuflucht zur Kombination von Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung (Stochastik) genommen. Dies geschieht trotz der Evidenz, dass Stochastik das Eintreffen von Ereignissen in sozialen Systemen nicht darstellen kann. Individuen sind nicht passiv, sondern nehmen im Sinne der Spieltheorie die Handlungen anderer zum eigenen Vorteil vorweg.
So werden denn auch weiterhin Prognosen nach dem Prinzip «faut de mieux» mit einer statistischen Wahrscheinlichkeit versehen, obwohl man die Eintretensverteilung der analysierten Ereignisse gar nicht kennt. Gerade in diesen historisch einzigartigen Zeiten sind daher prognostische Irrläufer vermehrt programmiert.
André Kohler ist Mitglied der Geschäftsleitung der B+B Vorsorge AG in Thalwil, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, mehr Dynamik und Transparenz in die berufliche Vorsorge zu bringen und ihren Kunden eine fundierte Beratung sowie interessante Alternativen zu bieten. Zurück
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