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Spannungsfeld: Bedürfnisse Versicherte - regulatorische Ansprüche - anspruchsvolle Kapitalmärkte

Impressum: Podiumsdiskussion der B+B Vorsorge AG in Luzern vom 31. August 2011.

Eine Expertenrunde diskutierte Ende August 2011 in Luzern auf Einladung von B+B Vorsorge AG über Vorsorge aus einer Gesamtperspektive in einem Umfeld sich verändernder Bedürfnisse und Lebensumstände der Versicherten, regulatorischen Ansprüchen und anspruchsvollen Kapitalmärkten.

Eingangs erläuterte Vital G. Stutz, der Anfang 2010 das Präsidium des Stiftungsrats der Gemini Sammelstiftung übernommen hat, dass der Fall «Gemini» abgeschlossen sei. Die in der Gemini Personalvorsorge AG (heute GPV Services AG) zwischen 2001 und 2006 geäufneten Überschüsse seien im Frühjahr 2010 im vollen Umfang an die Sammelstiftung zurückbezahlt worden. Anderthalb Jahre später habe nun die Staatsanwaltschaft die vom Bundesamt für Sozialversicherungen angeordnete Strafuntersuchung eingestellt.

Hinsichtlich der Sensibilisierung für Governance-Fragen, wie sie sich auch im Fall «Gemini» gestellt hatten, sei eine solide Ausbildung der Stiftungsräte das wichtigste, hielt Dr. Stefan Kull fest. Als Mitglied der Studienleitung des neu lancierten MAS/DAS Pensionskassen-Management am Institut für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern – Wirtschaft, sei es für ihn elementar, Wissen problem- und handlungsorientiert zu vermitteln. Ausbildung und Fachwissen dürfen nicht in einer Expertendiskussion enden. Der Mensch müsse in dem Milizsystem ins Zentrum gestellt und gesunder Menschenverstand eingesetzt werden.

Heinz Vogel begleitet als Leiter der Region Zentralschweiz von BDO Personalvorsorgeeinrichtungen und ist Stiftungsratspräsident verschiedener Vorsorgeeinrichtungen. Überdies amtet er als kommissarischer Verwalter im Auftrag von Aufsichtsbehörden. Von Moderator Thomas Hengartner, Redaktor bei «Finanz und Wirtschaft» darauf angesprochen, was seine Aufgabe in dieser Funktion sei, legte Heinz Vogel dar, dass er bei Zielkonflikten zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern im Stiftungsrat zum Einsatz komme, die jeweils mit einer Konfliktlösung oder mit einer ordentlichen Liquidation enden. Das grösste Konfliktpotenzial stelle das Abhängigkeitsproblem dar, beispielsweise, wenn ein Unternehmen seine Immobilien an die Stiftung verkaufen wolle oder von der Stiftung ein Darlehen beantrage. Grundsätzlich attestierte Heinz Vogel aber den Arbeitgebervertretern, dass sie gut zu ihren Stiftungen schauen würden. Die transparentere Darstellung in den Medien habe hier zu einem besseren Verständnis geführt, ist er überzeugt.

Vital G. Stutz bekannte sich in diesem Kontext zu umhüllenden Lösungen, da so alle im gleichen Boot sitzen würden. Der Anwalt, der vor einigen Jahren den Sicherheitsfonds präsidiert hatte, bezeichnete das System der beruflichen Vorsorge als gut funktionierend, denn angesichts eines Vorsorgevermögens habe der Fonds jährlich durchschnittlich 100 Millionen Franken, also lediglich ein Zehntel Promille zahlen müssen. Dies spreche für das dezentrale, auf die Betriebe zugeschnittene System.

Hinsichtlich der aktuellen finanziellen Situation, so waren sich die Podiumsteilnehmer einig, seien Erkenntnisse, was die Marktentwicklung treibe, relevant. Auch dürfe man nicht von der langen Frist abkommen. Der Umwandlungssatz sowie die Flexibilisierung müssen auch in Zukunft ein Thema sein. Belastend wirke nicht nur der anlagetechnische Stress, sondern auch der versicherungstechnische, gab Heinz Vogel zu bedenken. Unter den gegebenen Umständen seien die Zinsen und der Umwandlungssatz zu hoch angesetzt. Dementsprechend haben die Vorsorgeeinrichtungen zu hohe Versprechungen gemacht, dies insbesondere im überobligatorischen Bereich. Anders präsentiere sich die Situation für wachsende Kassen, die vom gegenwärtigen Umfeld gar profitieren könnten.

Vital G. Stutz hob hervor, dass die Vorsorgeeinrichtungen turbulente Phasen vergleichsweise gut überleben, sofern sie in guten Zeiten nicht alles ausgeschüttet haben. Stefan Kull wies auf die Problematik hin, dass die kurzfristige Beweispflicht dem langfristigen Anlagehorizont zuwider laufe. So gleichen manche Vorsorgeeinrichtungen «wilden Wespen», wenn der Deckungsgrad unter 100 Prozent sinke. Der Deckungsgrad sei daher zu entmystifizieren und das System dementsprechend zu modifizieren. Er appellierte an die Pensionskassen bei einer Unterdeckung nicht gleich die Nerven zu verlieren, gleichwohl aber auch nicht einen kontinuierlichen Rückgang des Deckungsgrads hinzunehmen, ohne entsprechende Massnahmen zu treffen.

Heinz Vogel pflichtete Stefan Kull bei, dass man bis 2005 insichtlich einer Unterdeckung immer mit einem Bein im Gefängnis gewesen sei. Mit der BVG-Revision seien die Aufsichtsbehörden kulanter geworden. So brauchen die Kassen nicht mehr überzureagieren. Es seien nicht bei jedem Statusbericht gleich Massnahmen zu ergreifen, sondern die Kassen können nun situationsbezogen reagieren. Dazu bräuchten die Stiftungsräte aber eine gewisse Navigation, wie sie der Statusbericht biete.

Dieser Paradigmenwechsel schlage sich aber noch im Reporting respektive der Bewertung nieder, führte Vital G. Stutz an. Hier bestehe nach wie vor ein Dilemma zwischen Rendite und Sicherheit. So kaufe eine Pensionskasse beispielsweise mit Nestlé Namen eine solide Aktie mit einer Dividendenrendite von 3,5 Prozent. Investiere sie dagegen in eine Nestlé-Obligation erziele sie lediglich eine Rendite von 2 Prozent. Aus gesetzlicher Sicht sei die Obligation vorzuziehen, weil die Forderung im Konkursfall besser gestellt sei.

Heinz Vogel gab zu bedenken, dass die früher verwendete Buchwert-Methode wenig transparent und vertrauenswürdig gewesen sei und sprach sich deshalb für den Marktwert vor allem bei Immobilien aus. Denn stille Reserven auf dieser Anlageklasse würden nichts nutzen, da sie keinen Ertrag in Form von Mieten einbringen. Vital G. Stutz hielt andere Methoden wie eine geglättete Bewertung für notwendig, da die Marktbewertung eine Illusion sei, könne doch wie derzeit bei Euro-Staatsanleihen der Markt wegbrechen.

Bezogen auf die jüngsten Marktturbulenzen wies Stefan Kull darauf hin, dass sich zu viel schnelles Geld im Markt befinde. Neue Instrumente und Marktteilnehmer würden die Märkte bewegen und Ausreisser würden von diesen ausgereizt. Die Märkte seien inzwischen vor allem durch Human Behaviour, wie Angst und Gier, geprägt, weshalb sich paradoxe Reaktionsmuster ergeben.

Vital G. Stutz stellte die Frage, woran sich die Pensionskassen nun orientieren sollen. Ein Index biete diese Orientierung seines Erachtens nicht, da er das Portfolio nur bedingt repräsentiere. Die Index-Orientierung zwinge faktisch zum Benchmark-Denken, denn wer abweiche, generiere Begründungsbedarf im Stiftungsrat. Er plädierte in dieser Frage für mehr Individualität in den Anlagen der Pensionskassen.

Stefan Kull rief aber dazu auf, dabei Moden aller Art zu meiden. Es brauche keine akademischen Weihen für die Anlagetätigkeit sondern Bodenhaftung. Die Verantwortlichen sollten es den Fichten und Föhren gleichmachen, die auch nicht in den Himmel wachsen.

Letztlich gehe um das Vertrauen der Destinatäre, warf Heinz Vogel ein. Darum werde ein allzu starkes Abweichen häufig nicht gewagt. Er glaube jedoch an die Mündigkeit der Destinatäre, die dies seiner Ansicht nach einordnen können. Vital G. Stutz vertrat ebenfalls die Meinung, dass die Versicherten das bestehende System unterstützen, aber mehr Informationen fordern würden.

Nach Heinz Vogel sei das Grundvertrauen der Destinäre in die 2. Säule hoch, kümmern sie sich doch meist erst kurz vor der Pensionierung um ihr Altersvermögen. Das komplexe System werde sich nie allen Destinatären erklären lassen. Stefan Kull hielt es dennoch für wichtig, die Vorsorgethematik breiter zu thematisieren und ein Grundverständnis zu schaffen, dies nach Möglichkeit schon in Berufsschulen und Gymnasien. Sorgen mache ihm auch, dass die demografische Entwicklung bislang zu wenig in die Modelle eingeflossen sei.

Nach dem Verbesserungspotenzial gefragt, führte Vital G. Stutz an, dass alle, die in Stiftungsräten oder der Durchführung des BVG tätig seien, effizienter werden müssen. Denn es gehe nicht an, dass die Kosten gleich hoch seien, wie die Erträge. Von Bundesbern wünschte er sich, dass nicht noch mehr Vorschriften gemacht werden, zumal das System ausgesprochen gut funktioniere.

Heinz Vogel wünschte sich abschliessend, dass Pierre Triponez in seiner Funktion als Präsident der nationalrätlichen Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit hinsichtlich den Bestimmungen des Internen Kontrollsystems gesunden Menschenverstand walten lasse. Stefan Kull meinte daraufhin, dass es mehr Pragmatiker wie Heinz Vogel an den entscheidenden Stellen in Bundesbern brauche.
 

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